„Kein Schnitt ist für alle gemacht“

„Abnäher sind unsere Freunde“, sagt Stefanie Kroth und bricht damit eine Lanze für die Webware und gut sitzende Kleidung. Denn nur ein auf den Leib geschneidertes Kleid verpackt unsere Körperformen gekonnt, statt sie in Form zu pressen. Im Interview verrät die erfahrene Designerin und Schnittdirectrice aus dem bayrischen Kissing, wie das am besten gelingt. Wo wir den passenden Schnitt für uns finden.
Auf was wir kleidungstechnisch besser verzichten. Und warum wir uns ein Beispiel an der Orange nehmen sollten.

Stefanie Kroths Atelier im bayerischen Kissing. Ab und an öffnet sie die Türen und lässt Besucher hinter die Kulissen ihres Labels SO! schnuppern.
Stefanie Kroths Atelier im bayerischen Kissing. Ab und an öffnet sie die Türen und lässt Besucher hinter die Kulissen ihres Labels SO! schnuppern

Patricia: Heutzutage gibt es so viele Schnittmuster-Ersteller. Was hat Dich dazu bewogen, auch einer zu werden?
Stefanie: Zunächst einmal ist es ja mein Beruf. Aber dazu kam noch etwas anderes: Neben meiner Arbeit als Grafikerin habe ich immer wieder Nähkurse gegeben – und mich dabei geärgert, wie schlecht die Schnitte waren, mit denen die Leute ankamen. Deswegen habe ich 2013 begonnen, meine eigenen Schnitte zu erstellen und mein Label „SO!“ (von englisch nähen = to sew, sprich „so“) gegründet.

Patricia: Was macht einen guten Schnitt Deiner Meinung nach aus?
Stefanie: Er sollte so einfach wie möglich sein, aber immer eine Raffinesse enthalten, um etwas zu lehren. Ich biete eine Grundlagenidee, die jeder mit seiner eigenen Persönlichkeit bespielen kann.

Patricia: Und was macht einen Schnitt tragbar?
Stefanie: Normalität. Kleidungsstücke sollten schlicht sein, einfach, schnörkellos, aber durchaus auf den zweiten Blick feine Details preisgeben. Man soll sich in ihnen nicht verkleidet fühlen, sondern angezogen.

Zwei Frauen mit derselben Konfektionsgröße muss nicht dasselbe Kleid stehen.

Patricia: Was ist das Problem bei den heutigen Kleiderschnitten?
Stefanie: Dass jeder denkt, ein Schnitt wäre universal für alle gemacht. Das kann aber nie funktionieren. Was dem einem steht, sieht am anderen ganz anders aus. Zwei Frauen können dieselbe Konfektionsgröße haben und doch nicht in dasselbe Kleid passen. Das hat viel mit unseren Proportionen zu tun, dem Verhältnis der einzelnen Gliedmaßen zueinander und auch mit unserer Haltung.

Patricia: Das klingt schwierig, vor allem, wenn frau über ein paar Problemzönchen verfügt. Worauf muss ich zum Beispiel bei einer großen Oberweite achten?
Stefanie: Abnäher sind unsere Freunde! Es ist ein Unterschied, ob Du einen zweidimensionalen Teller in ein Papier einwickelst oder eine dreidimensionale Orange. Die zum umhüllen ist nicht einfach, Du kannst das Papier nicht einfach der Länge nach falten. Genau so ist es mit unserem Busen – der ist nun mal dreidimensional. Um ihn gut zu verpacken, brauchst Du Abnäher.

"Eine Brust ist kein flacher Teller!" Stefanie Kroth erklärt, wie frau ihr Dekolleté perfekt verpackt.
„Eine Brust ist kein flacher Teller!“ Stefanie Kroth erklärt, wie frau ihr Dekolleté perfekt verpackt

Patricia: Viele Schnitte enthalten aber auch in den großen Größen keine Abnäher. Oder diese passen nicht zu meiner Brust. Was mache ich dann?
Stefanie: Das Zauberwort heißt FBA – full bust adjustment. Damit kann man jedes Kleidungsstück an seinen eigenen Busen anpassen. Im Netz gibt es viele gute Anleitungen dazu. Ein anderer Trick, um große Brüste optisch zu verkleinern: eine Teilungsnaht über der Brust verlaufen lassen und oberhalb der Naht einen dunklen Stoff einsetzen – wie zum Beispiel bei meinem Schnitt Goodie. Das nimmt Fülle von oben weg.

Patricia: Was ist mit überschnittenen Schultern, die eben in fast jedem Schnittmuster vorkommen?
Stefanie: Überschnittene Schultern tun einem breiten Oberkörper nicht gut, denn sie lassen ihn durch die fehlende Schulternaht noch mächtiger wirken. Nähte hingehen teilen den Oberkörper optisch auf, zum Beispiel bei Raglanärmeln: Sie schließen die Schulterpartie mit ein und verlaufen schräg in die Kragennaht bis zum Halsansatz.

Patricia: Apropos Ärmel – was mache ich bei Wabbelarmen?
Stefanie: Immer Ärmelchen tragen. Und zwar welche aus Webware, die sich nicht wie eine Wurstpelle um den Arm pressen. Dadurch, dass wir nur noch Jersey tragen, wissen wir gar nicht mehr, wie richtige Ärmel sich anfühlen. Wir sind sie nicht mehr gewohnt und fühlen uns eingeengt. Dabei gibt gerade ein guter Schnitt unseren Armen nicht nur genügend Freiheit, sondern vor allem eine schöne Form!

Patricia: Kommen wir zum Bauch. Und Po….
Stefanie: Der Bereich zwischen Taille und Oberschenkeln ist bei Frauen oft sehr schwierig. Das liegt aber nicht am weiblichen Körper sondern der weiblichen Sehgewohnheit: Wir sehen Magermodels in Jeans und wollen auch so etwas tragen. Wir setzen uns Vergleichbarkeiten aus. Aber keiner Frau mit normalen Proportionen stehen Jeans, sie sind einfach nicht für uns geschaffen!

Patricia: Was sollen wir denn dann tragen?
Stefanie: Habt Mut zum Kleid! Es verdeckt, was Euch stört und setzt Eure schönste Stellen in Szene. Passt die Kleidung mit Abnähern und Teilungsnähten Eurem Körper an – und nicht Euren Körper der Kleidung.

Sei Du selbst! Wenn Du Dich selbst kennst, kannst Du Dich auch an Dir freuen!

"Sei einfach Du selbst!" Stefanie Kroth vor ihrem Atelier in Kissing
„Sei einfach Du selbst!“ Stefanie Kroth vor ihrem Atelier

Patricia: Klingt logisch. Aber wie finde ich nun unter den Millionen Schnittmustern genau das, was zu mir passt?
Stefanie: Bevor man ein Schnittmuster kauft, sollte man sich mit seinem Körper beschäftigen. Man sollte sich kennenlernen und fragen: Was steht mir? Die Tipps, die ich oben gegeben habe, helfen dabei. Eine technische Zeichnung ist wichtig, um schon vor dem Kauf zu erkennen, wie die Nähte eines Schnitts verlaufen. Und wenn ich weiß, dass ich Ärmel brauche, sollten die Ärmel im schon im Muster enthalten sein sein, sodass ich sie nicht erst noch selbst zurecht basteln muss.
Maß nehmen ist zudem ganz wichtig! Konfektionsgrößen sagen nichts darüber aus, ob mir ein Kleidungsstück auch wirklich passt. Also sollte der Schnitt eine detaillierte Maßtabelle enthalten. Und immer dran denken: Man sieht nicht, welche Größe man genäht hat, aber sehr wohl, wenn das Teil zu eng ist.


Stefanie Kroth macht Mode und Grafik. Mit ihrem Label SO! entwirft sie einfache, raffinierte oder eigensinnige Schnittmuster für Nähfreaks und Fashion-Victims für alle, von Größe XS bis 3XL. Wie kam’s? Erstausbildung Mode (Entwurfs- und Schnittdirectrice), zwischendrin allerlei Berufserfahrung, Studium Medien & Kommunikation, Berufserfahrung in Grafik und Werbung. Was bleibt, ist die Sehnsucht nach Mode. Nachdenken, Ausprobieren, Machen. Privatleben gibt’s auch – im bayerischen Kissing, mit einem Mann, einem Kind und zwei Katzen. Ihr findet Stefanie im Internet auf ihrer Seite SO! Pattern

4 Antworten auf „„Kein Schnitt ist für alle gemacht““

  1. Danke liebe Patricia und liebe Stefanie.

    Das ist ein perfektes Interview und sehr informativ, vor allem für die die nur Jersey nähen.
    Ich hoffe hiermit finden mehrere Leute den Mut auch mal Webware zu nähen.
    Webware ist super,
    Webware ist besser und eigentlich ist Webware auch leichter zu nähen als Jersey und passt ein Kleidungstück aus Webware einfach besser!!
    Traut euch über Knöpfe und Reißverschlüsse, so schwer sind die nicht!
    Vielen Dank!!

    Liebe Grüße aus Tirol,
    Dymph

  2. Dir auch ein dickes Danke, Dymph! Du bist ja auch eine Webware-Queen, und es ist toll, wenn Ihr diese Stoffe auch hier bekannter macht.
    Auf noch viele schöne Projekte!
    LG Patricia

  3. Vielen Dank für das Interview!Ich liebe die Schnitte von So-Pattern, habe tatsächlich fast alle. Und hier erlebe ich die Designerin mal fast persönlich. Sehr sympathisch!!

    1. Sehr gerne, Christin, und danke für Deinen netten Kommentar! Ich bin damals auch über Stefanie gestolpert, als ich passende Schnitte für meine Figur gesucht hatte – und hängengeblieben 🙂 Hab ein schönes Wochenende!

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