Stoff-Lexikon

„Ist das Baumwolle oder Jersey?“
‚Ähm. Baumwoll-Jersey?“
„Ach…“

Ganz ehrlich. Als ich vor ein paar Jahren mit dem Nähen angefangen habe, gab es auch für mich nur zwei Stoffsorten. Alles, was dehnbar war, hieß bei mir Jersey. Und der starre Rest Baumwolle. Erst nach und nach entdeckte ich die Unterschiede. Die Gemeinsamkeiten. Dass Jersey aus Baumwolle sein kann. Dass Baumwolle auch dehnbar ist. Und vor allem, dass die Stoffwelt noch so viel mehr zu bieten hat! Was, habe ich Euch hier in meinem Stoff-Lexikon zusammengestellt.

Was es nicht alles gibt…

Kleidchen aus Webware, hier 100 Prozent Baumwolle
Kleidchen aus Webware, hier 100 Prozent Baumwolle

Was die meisten unter „Baumwolle“ verstehen, ist Webware. Die ist, wie der Name schon sagt, gewebt und nicht wie Jersey gestrickt.

Es gibt ganz unterschiedliche Webarten, je nachdem, wie die Fäden am Webstuhl ineinander geschossen werden.

Die Leinenbindung zum Beispiel ist die einfachste und wahrscheinlich älteste Webart, der Stoff weist ein feines, regelmäßiges Gitter auf.

Körper, Atlas, Damast, Satin, Brokat, Chevron (Fischgrätmuster) und andere sind ebenfalls Webarten, die aus unterschiedlichsten Materialien bestehen können.

Das bedeutet: Es gibt Baumwollsatin, aber auch welchen aus Polyester. Es gibt Viskose-Jersey, aber auch welchen aus Seide.

Was allgemein als „Baumwolle“ bekannt ist, sind also aus der Baumwolle gesponnene Fäden, die in Leinenbindung (oder auch Leinwandbindung) zu einem Stoff verwoben wurden.

Webware

Webstoffe sind in der Regel nicht dehnbar. Es sei denn – und das kennt Ihr vom Schrägband formen – Ihr schneidet sie schräg zum Fadenlauf zu. Dann kann auch ein Webstoff noch etwas ab- und zugeben.

Chiffon-Tunika, ebenfalls aus Webware - hier 100 Prozent Polyester.
Chiffon-Tunika, ebenfalls aus Webware – hier 100 Prozent Polyester

Gewebte Stoffe werden deswegen für alles verwendet, was sich nicht dehnen muss: maßgeschneidert Etuikleider zum Beispiel, feine Chiffonschals oder auch Bettwäsche.

Kleiner Tipp: Achtet mal darauf, wie der Händler Eures Vertrauens seine Stoffe anbietet. Ob er nach Web- und Strickware unterscheidet oder nur simpel nach Baumwolle und Jersey. Das spricht oft Bände 😉

Jersey

Das Gegenteil von Webware ist Jersey. Dieser Begriff bezeichnet tatsächlich auch eine Herstellungsart, kein Material.
Jersey ist nämlich gestrickt, nicht gewebt. Deswegen dehnt sich auch Jersey, der kein Elasthan enthält – wusstet Ihr das?

Jersey wird ebenfalls als Tricot oder Strick bezeichnet und hat seinen Namen von der Kanalinsel Jersey zwischen Frankreich und England, wo er vermutlich erfunden wurde. Je nach Strickweise entstehen unterschiedliche Arten von Jersey, die mal weicher, mal fester fallen und für die unterschiedlichsten Kleidungsstücke vom leichten Sommerkleid bis zur festen Shape-Leggings verwendet werden.

Deshalb nutzt es Euch gar nichts, wenn irgendwo „Jersey“ draufsteht, wenn dazu weder die Strickart noch das Material noch dessen Grammzahl angegeben ist.
Der Begriff allein verrät Euch lediglich, dass es sich um gestrickte Ware handelt. Deswegen gibt es hier ein paar mehr Infos:

Jersey2
T-Shirt, komplett genäht aus Single-Jerseys mit 95 % Baumwoll- und 5 % Elasthan-Anteil

Single-Jersey: Maschen abwechselnd rechts-links gestrickt, sehr dehnbar

Double-Jersey: Maschen links-links oder rechts-rechts gestrickt, robuster als Single-Jersey

Interlock-Jersey: Jetzt wird’s komplizierter, denn Interlock wird an zwei Nadelreihen gestrickt und in einer rechts-rechts Bindung gekreuzt. Das macht den Stoff schön fest. Ich verwende ihn zum Beispiel gerne für Leggings, weil dann nichts wabbelt ☺

Jacquard-Jersey: Die gestrickte Masche wird mit 2 bis 4 oder auch mehreren bunten Fäden gearbeitet. Zum Übergang von einer zur anderen Farbe verwendet man die Technik der verkreuzten Fäden (bewirkt, dass kein Loch entsteht). Auf der rechten Seite sind nur Maschen der Folgefarbe sichtbar, während der Vorgängerfaden auf der linken Seite des Stoffs durchgezogen wird. Achtung: Es gibt auch Jacquard-Webware!*

Cloqué-Jersey: zwei unterschiedliche Lagen, die stellenweise miteinander verstrickt sind. Durch Schrumpfen überdrehter Garne im zusätzlichen Fadensystem entstehen Blasen (cloqué, frz. = Brandblase). Das sind alle Jerseys, die eine Oberflächenstruktur oder ein Ausbrenner-Muster zeigen.

Wie Webware auch kann Jersey aus den unterschiedlichsten Materialien hergestellt werden: Baumwolle, Viscose, Polyester, Wolle….
Vicose-Jersey fällt leicht und edel, Baumwolljersey wird meist für Kinderkleidung verwendet. Je günstiger ein Jersey, desto weniger Baumwollanteil enthält er in der Regel. Je mehr Elasthananteil, umso dehnbarer wird er.

Schaut Euch einfach mal beim nächsten Einkauf die Zusammensetzung des Stoffes oder Kleidungsstück an, das Euch interessiert. Die muss nämlich per Textilkennzeichnungsgesetz stets angegeben sein!

Sweat, Baby, Sweat!

Sweat ist der große Bruder vom Jersey, denn auch er wird gestrickt. Allerdings enthält er mehr Gramm Material pro Quadratmeter Stoff und ist somit dichter und schwerer.

Auch beim Sweat gibt es unterschiedliche Strickarten:

Sommer-Sweat
Baby-Hoodie aus Sommer-Sweat, 5% Elasthan und 95 % Fair-Trade-Öko-Baumwolle

Sommer-Sweat: etwas dicker als Jersey durch höheren Faseranteil. Keine flauschige Rückseite

Winter-Sweat: wird wie Single-Jersey rechts-links gestrickt. Auf der Rückseite wird allerdings ein spezieller Futterfaden mitgeführt, welcher weicher gedreht ist als das Grundstrickgarn, das auf der Vorderseite sichtbar ist. Dieser wird während des Veredelungsprozesses aufgeraut, was zu der typischen flauschigen Innenseite der Wintersweats führt.

Alpenfleece: geistert seit einiger Zeit in der Szene herum. Beschreibt einen Duobleface, also Stoff mit zwei Gesichtern. Die Vorderseite besteht aus Sweat, die Rückseite aus flauschigen Kunstfell, meist Polyester. Je höher der Polyester-Anteil insgesamt, umso mehr leidet die Qualität des Stoffes (Pilling!). Achtet also auch beim Kauf von Alpenfleece auf einen möglichst hohen Baumwollanteil.

 

Gewichtige Angaben

Wagt vor dem Kauf auch immer einen Blick auf die Grammzahl pro Quadratmeter Stoff! Qualifizierte Händler geben diese an und verraten Euch so etwas über die Dichte und somit den Fall eines Stoffes oder Kleidungsstückes.

Alpenfleece
Ober- und Unterseite vom Alpenfleece. Der auf dem Foto besteht aus 56 % Polyester, 40 % Baumwolle und 4 % Elasthan …und fing nach der ersten Wäsche schon an zu pillen 🙁

Webware

Die typische Webware, die meist für Kinderkleidung genutzt wird, wiegt um die 160 g/m². Je schwerer, desto steifer fällt der Stoff. Leicht fallende Webware, zum Beispiel Popeline, enthält rund 120 g/m². Dekostoffe für Kissenbezüge etc.  wiegen 190 g/m² und mehr.

Jersey, Sweat und Strickware

Wie bei Webware gilt auch hier: Je mehr Inhalt, desto schwerer. Fein fallende Jerseys, z.B. aus Viskose, wiegen um die 150g/m², straffere Jerseys aus Baumwolle um die 240 g/m².

Manchmal, vor allem außerhalb Deutschlands, wird Sweat nicht als solcher bezeichnet, sondern ist wie Jersey auch Strickware (in England z.B. knitwear für Jersey und Sweat), die nur durch ihr Gewicht identifizierbar ist. Sweat hat meist über 290 g/m², je höher das Gewicht, umso dicker und dichter ist der Stoff. Alpenfleece ist mit 360 g/m² das Schwergewicht unter den Sweatern.

Längs, quer oder bi?

Ihr seid vielleicht auch schon darüber gestoplert: Manchmal werden Stoffe als längs-, quer- oder bi-elastisch bezeichnet. Deswegen auch dazu eine kurze Erklärung:

längs-elastisch ist alles, was sich der Länger nach dehnt. Wenn Ihr den Stoff mit senkrechtem Fadenlauf vor Euch haltet, könnt Ihr ihn von oben nach unten in die Länge ziehen, nicht aber nach links und rechts. Einige Webstoffe mit geringem Elasthananteil sind längselastisch. Längselastische Stoffe werden je nach Material oft „Stretch“ genannt, also Baumwoll-, Viskose- oder Polyesterstretch und haben meist einen Elasthananteil von etwa 3 Prozent. Es gibt allerdings auch längselastische Sweatstoffe. Die beulen beim Tragen weniger aus, als ihre quer- oder bi-elastischen Vettern.

Dieses Top aus Baumwoll-Jersey ist bi-elastisch.... und passt deswegen auch um meine Hüften ;-)
Dieses Top aus Baumwoll-Jersey ist bi-elastisch…. und passt deswegen auch um meine Hüften 😉

quer-elastisch ist folglich genau das Gegenteil: der Stoff lässt sich zur Seite dehnen, aber nicht nach oben und unten. Viele Bündchen zum Beispiel dehnen sich quer zum Fadenverlauf und sind deswegen querelastisch. Dehnen sie sich dazu auch noch in die Länge, sind sie bi-elastisch.

bi-elastisch ist alles, was sich ganz einfach gesagt überall hin ausdehnt. Jersesy sind in der Regel bi-elastisch. Solch einen Stoff könnt Ihr in die Länge und Breite ziehen. Er ist in guten Shops auch als solcher gekennzeichnet.

Apropos gute Shops: Auf Fotos sehr Ihr leider nicht, in welche Richtung(en) sich ein Stoff dehnt. Fehlt diese Produktbeschreibung bei den Angaben, fragt doch beim Händler nach. Oder bestellt Euch ein Stoffmuster und macht die Fühl- pardon, Dehnprobe.

Von Plaste zum Schaf

In Deutschland gibt es ein Textilkennzeichnungsgesetz. Das heißt, die meisten Textilerzeugnisse dürfen nur gekennzeichnet verkauft werden! Rohstoffe, die in der Ware enthalten sind, müssen prozentual angegeben werden.

Set für kleine Matrosen aus 100 Prozent Baumwoll-Popeline.
Set für kleine Matrosen aus 100 Prozent Baumwoll-Popeline

Besteht ein Shirt etwa hauptsächlich aus Baumwolle, enthält aber auch noch einen Teil Polyester und Elasthan, steht auf dem Etikett zum Beispiel:

60% CO (Cotton = Baumwolle), 35% PES (Polyester), 5% EL (Elasthan).

Studiert in Ruhe Etiketten und Stoffinfos (zu denen auch Online-Shops verpflichtet sind!). Sie verraten Euch viel über die Qualität der Ware. Und darüber, warum zwei fast identische Shirts einen so unterschiedlichen Preis haben (ein hoher Naturfasergehalt wie Baumwolle kostet in der Regel mehr).

Hier habe ich Euch die gängigsten Materialien, aus denen Stoffe bestehen können, aufgelistet:

Naturfasern

CO – Baumwolle (Cotton)
Wie der Name schon sagt Faser aus den Samen der Baumwollpflanze (Gossypium).

CV – Viskose (auch VI)
Faser aus Cellulose, gewonnen aus dem Rohstoff Holz, deren Fäden endlos gesponnen werden können und im Nass-Spinnverfahren hergestellt werden. Feines Material, das auch Kunstseide genannt wird.

Jute-Seesack aus Webware, Bärenstoff aus Baumwoll-Jersey mit fünf Prozent Elasthan-Anteil.
Jute-Seesack aus Webware, Bärenstoff aus Baumwoll-Jersey mit fünf Prozent Elasthan-Anteil

JU – Jute
Bastfaser aus den Stängeln des Corchorus olitorius und Corchorus capsulatis (Jute-Pflanze). Ebenfalls bestehen darf Jute aus Kenaf (ähnlich Hanf) und bestimmten Malvenarten.

LI – Leinen
Auch Flachs genannt, Bastfaser aus den Stängeln des Flachses.

MD – Modal
Dehnbare Viskose mit hoher Reißkraft.

SE – Seide
Feine Faser, gewonnen aus den Kokons der Seidenraupe. Einzige in der Natur vorkommende Endlosfaser, besteht hauptsächlich aus Protein.

WO – Wolle/ WV – Schurwolle
Faser vom Fell des Schafes (Ovis aries) oder ein Gemisch aus Fasern von der Schafschur und aus Haaren von Alpaka (= WP), Lama, Kamel, Kaschmirziege, Angoraziege, Angorakanin, Vikunja, Yak, Guanako, Kaschgoraziege, Biber, Fischotter (ahja…)

Kunst-Fasern

AC – Acetat
Faser aus Zellulose-Acetat mit weniger als 92 %, jedoch mindestens 74 % acetylierter Hydroxylgruppen. Häää? Wichtig zu wissen ist, dass Acetat eine chemisch hergestellte Faser ist, die glänzt und Seide ähnelt (Futtertaft zum Beispiel).

EL – Elasthan (auch Elastan ohne h)
Kunstfaser, die unter Einwirkung einer Zugkraft um die dreifache ursprüngliche Länge gedehnt nach Entlastung sofort wieder nahezu in ihre Ausgangslage zurückkehrt.

Feine Weste aus einem Polyester-Polyacryl-Viskose-Mix. Weil der Stoff nicht Webware, sondern Strick ist, dehnt sie sich auch ohne Elasthan-Anteil.
Feine Weste aus einem Polyester-Polyacryl-Viskose-Mix. Weil der Stoff nicht Webware, sondern Strick ist, dehnt sie sich auch ohne Elasthan-Anteil

PA (Polyamid)
Faser aus thermoplastischem Kunststoff, auch bekannt als Nylon, Dederon, Perlon oder Timbrelle.

PAN – Polyacryl (auch PC)
Texturierte Kunststoff-Faser mit hoher Bauschigkeit, die Textilien einen wollartigen Charakter gibt und warm, weich und knitterarm macht (Pullover, Pelzimitate, Decken). Auch Dralon, Dolan, Orlon oder Crylor genannt.

PU – Polyurethan (auch PUR)
Faser aus Kunststoff/Kunstharz, typische Verwendung hierfür sind aufgeschäumte Materialien wie Schaum- und Polsterstoffe.

PE – Polyester (auch PES)
Daraus entstehen nicht nur PET-Flaschen, nein, auch Stoffe! Reiß- und scheuerfeste Kunstfaser, die kaum Feuchtigkeit aufnimmt und daher oft für Sportkleidung verwendet wird. Ein typischer PE-Stoff ist auch Fleece.

PL – Polyäthylen
Weltweit am häufigsten verwendeter Kunststoff, aus dem vor allem Verpackungen gefertigt werden. Im Stoffbereich entstehen daraus Gurte, Seile, Jacken – aber auch je nach Faserstärke andere Kleidungsstücke.

PVC – Polyvinylchlorid
Thermoplastischer Kunststoff. PVC ist hart und spröde und wird erst durch Zugabe von Weichmachern und Stabilisatoren weich. Dient nicht nur als Bodenbelag, sondern auch zur Herstellung von Kunstleder, -latex oder als Beschichtung für Baumwolle, zum Beispiel bei abwaschbaren Textilien.

Josies Rotzi-Kotzi. Er besteht aus 100 Prozent Liebe :-)
Josies Rotzi-Kotzi. Er besteht aus 100 Prozent Liebe 🙂

 


Erfunden wurde diese Art der Stoffherstellung nämlich von Joseph-Marie Jacquard, einem französischer Weber. Er baute 1805 eine Vorrichtung, mit deren Hilfe man jeden Kettfaden an der Webmaschine steuern und somit Muster von mehrfacher Größe und Vielfalt weben konnte. Dadurch konnten erstmals endlose Muster von beliebiger Komplexität mechanisch hergestellt werden. Seine als Jacquard-Webstühle bekannt gewordenen Apparate waren die ersten, die Lochkarten zur Mustergenerierung verwendeten. Mit ihnen konnten fast beliebig komplizierte Musterungen ins Gewebe eingewoben werden. Nach dem Jacquard’schen Prinzip wurden einige Jahrzehnte später auch Musterungsvorrichtungen für Strick- und Wirkmaschinen konstruiert. 

Fotos: Jochen Boy

 

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